| FAZ 29.03.1975
Karl Korn Vor sieben, acht Jahren, als es unter alliierten Literaten chic war, einen Abstecher nach Kirchhorst zu machen, galt Ernst Jünger noch als eine der interessantesten und umstrittensten Figuren des deutschen Geistes. Er war abgestempelt, sei es als intellektueller Faschist und Militarist, sei es als abendländische Kavalier. Man pries den Magier und beschimpfte den Verführer, die einen hofften auf den Urheber der ungedruckt von Hand zu Hand zirkulierenden Friedensschrift, die anderen sahen gerade in diesem Manifest die Krone der Perfidie des Theoretikers des totalen Krieges. Vergebens sucht der Zeitgenosse Ernst Jüngers in der von Armin Mohler herausgegebenen Geburtstagsschrift nach Spuren der heftigen Kämpfe, die um Jünger seit seinem ersten politischen Auftreten in den nationalistischen Bünden der Zeit nach dem ersten Weltkrieg getobt haben. Auch ist das mindestens ebenso wichtige Kapitel der literarischen und geistigen Ausstrahlung Jüngers während der nationalsozialistischen Herrschaft kaum oder nur in Umschreibungen angedeutet. Die Festschrift, zu der so interessante Leute wie Heidegger, Carl Schmitt und der General Speidel unter anderen beigetragen haben, ist eine Sammlung zum Teil aufschlußreicher Einzelstudien. Der politische Impuls fehlt dem Sammelband fast ganz, ebenso wie die Mauretanier und Landsknechte, die einmal Jüngers Feld- und Zeltgenossen waren, fehlen. Die Zurückhaltung, um nicht zu sagen die Askese, deren sich die Festschrift (Verlag Klostermann, Frankfurt) befleißigt, als sei ein professoraler Fachkollege mit Beiträgen aus seinem und verwandten Forschungsgebieten zu ehren, wird die Zustimmung manches Eingeweihten finden. Offenbar hat man Jünger diesmal aus der vordersten Kampflinie der Pamphlete und der Huldigungen heraushalten und solide kritische Einzelarbeit zur Deutung seiner geistigen Positionen leisten wollen. Vermutlich wird Jünger selbst in der Mosaikarbeit, die sein Kreis ihm zum sechzigsten widmet, ein Unternehmen sehen, das dem alexandrinischen Geist der Epoche entspricht. Linie und Knoten So wäre es denn mehr als unangemessem, wollten wir in dieser Zeitung zu Jüngers heutigem sechzigsten Geburtstag mehr als ein weiteres Blättchen oder Steinchen beitragen. Zugleich sei nicht versäumt, wenigstens auf einige der literarischen Geburtstagsgaben hinzuweisen. Heidegger hat seinen Beitrag eine Interpretation der Jüngerschen Schrift "Ueber die Linie" nebenbei in die Form eines temperamentvollen Briefes gekleidet, worin er sich gegen Mißdeutungen, er, Heidegger, habe in der Vorlesung "Was ist Metaphysik?" vulgären Nihilismus verkündet, wendet. Der Philosoph kehrt den Spieß um und wirft denen, die heute Metaphysik restaurieren, Nihilismus vor. Der Zusammenhang mit Jüngers metaphysischem Versuch "Ueber die Linie" ist evident. Heideggers freundschaftliche Kritik betrifft Jüngers Unternehmen, den vollendeten Nihilismus als einen Grenzbereich anzusehen, jenseits dessen Grenzlinie "das Sein" wiedergefunden werden könne. Heidegger bemerkt dazu, daß das Problem nur durch eine neue Sprache zu bewältigen sei. Fruchtbar und im besten Sinne aktuell an Heideggers kaum referierbarem Aufsatz ist die beständige Rückbeziehung. auf Jüngers "Arbeiter", jenes bedeutende und am meisten geschmähte Buch, worin im Bilde der totalen Mobilmachung "Arbeit" als Prozeß der Seinsvernichtung aus dem Geiste des Willens zur Macht dargestellt war. Auch Carl Schmitts Beitrag "Die geschichtliche Struktur des heutigen Weltgegensatzes zwischen Ost und West" ist eine fundamentale Korrektur an einer Jüngerschen Schrift ("Der gordische Knoten"). Zu Jüngers Ost-West-Antithetik bemerkt Schmitt, daß dem heutigen Weltdualismus nicht eine ideelle Polarität, sondern ein geschichtlicher Gegensatz zugrunde liege. Es handle sich um den Gegensatz von maritimer und terraner Existenz seit der Entdeckung der Ozeane. Das ozeanische England sei der Ursprung der industriellen Revolution und der entfesselten Technik geworden, und der russische Osten lehne sich als die klassische Landmacht heute mit den übernommenen Mitteln der technischen Revolution gegen die westliche, das heißt die atlantische Machtgruppierung und ihre technische Ueberlegenheit auf. Unser eigener kleiner Beitrag zur Umrißzeichnung jenes Ernst Jünger, den Ernst Niekisch gelegentlich einen Seismographen in einer an Beben reichen Epoche genannt hat, betrifft den dichterischen Sprachstil der "Marmorklippen". Eine Untersuchung des oder besser der Jüngerschen Sprachstile steht noch aus. Sie wäre bei einem seismographisch so feinen Instrument sehr zu wünschen, gäbe sie doch mehr als nur Aufschlüsse über die Person und den einzelnen Fall des Autors. Daß der "Arbeiter" sich der kargen Reglementssprache der alten preußischen Felddienstordnung bedient, ist bekannt. In den Figuren und Capriccios, die Jünger "Das abenteuerliche Herz" genannt hat, liegt ein zwar etwas verspätetes, aber ein bedeutendes Zeugnis des literarischen Surrealismus vor. "Auf den Marmorklippen" ist unter Jüngers Büchern zu seiner Zeit (1939) eines der faszinierendsten gewesen. Es ist vielleicht Jüngers naivstes Buch im Sinne persönlichen Wesensausdrucks. "Die Lebensflamme" Der bare Zufall spielte uns dieser Tage nach erneuter Lektüre der Marmorklippen, deren viele unter uns sich mit Dankbarkeit erinnern, weil sie in der geistigen Stumpfheit der Diktatur wie ein Elixier wirkten, eine stilistische Parallele zu, die ein Schulbeispiel wechselseitiger Erhellung genannt werden kann: die Ausstellung "Jugendstil" im Frankfurter Städelschen Institut. Die "Marmorklippen" strotzen von dem Jugendstil verwandten stilistischen Ranken, ihre eigentümlich rhythmisierte Prosa wiederholt die ausschwingenden Gebärden des Jugendstils so, wie einzelne Schmuckformen deutlich eine Verwandtschaft im Dekorativen verraten. Das genießerische Schwelgen in der Elegie der Fülle herbstlichen Lebensgefühls, das den nahen Untergang ahnt, ist typischer Jugendstil. Wie oft ist in schwelgerischem Entzücken von der "Lebensfülle", der "Lebensflamme", der "Lebensmelodie, die auf ihre dunkelste, auf ihre tiefste Saite übergriff" die Rede! Eine Stilarabeske wie "Tod und Wollust, tief verflochten" verrät bis ins Wort "verflochten" das bildnerische Muster der sprachlichen Prägung. Das Pompöse und Kostbare, das gewisse Richtungen des Jugendstils kultivierten, wie ist es das Gesetz der Marmorklippen, deren Vernichtung durch das Feuer als ein "Purpurmantel" gesehen und empfunden wird! Man könnte ganze Passagen zitieren, in denen der Sprachfluß, die elegische Geste und das erlesene Pathos kurz vor dem Untergang in Feuer und Asche georgische Trunkenheit noch einmal zelebrieren: "So leerten wir das Glas auf alte und ferne Freunde und auf die Länder dieser Welt. Uns alle faßt ja ein Bangen, wenn die Lüfte des Todes wehen. Dann essen und trinken wir im Sinnen, wie lange an diesen Tafeln der Platz noch für uns bereitet ist. Denn die Erde ist schön." Daß solche Sprache Draperie und schwelgende Fülle ist wie auf den pathetisch schönheitstrunkenen Radierungen von Max Klinger, daß sie die opalisierenden und irisierenden Effekte von Glas- und Metallschliffen zu erzielen sucht, wird noch deutlicher, wenn man die mannigfaltigen Schlangensymbole, gewisse Details der Kleidung, manche Namengebungen hinzunimmt. Das Röckchen des kleinen Erio ist "aus blauem goldgefaßtem Samt". Und die Körper der Lanzenottern sind "metallisch rot, und häufig sind Schuppen von hellem Messingglanze in sein Muster eingesprengt. Bei dieser Greifin war jedoch der reine makellose Schein ausgeprägt, der sich am Kopfe nach Juwelen-Art zugleich ins Grüne wandte und an Leuchtkraft steigerte. Auch konnte sie Im Zorn den Hals zum Schilde dehnen, der wie ein goldner Spiegel im Angriff funkelte". Nun, das sind exakte Schilderungen der vielfältigen Spiegel, Vasen, Agraffen, Broschen mit aufgelegtem Email von Lalique oder Otto Eckmann. Man lese einen Passus wie diesen, wenn die beiden Herbaristen sich über eine Pflanze beugen. "Ihr Rund war als ein grüner Kreis gebildet, die die ovalen Blätter unterteilten und zackig ränderten, in deren Mitte sich leuchtend der Wachstumspunkt erhob. Die Bildung schien zugleich so frisch und zart im Fleische wie unzerstörbar im Geistesglanz der Symmetrie. Da faßte uns ein Schauder an; wir fühlten, wie die Lust zu leben und die Lust zu sterben sich in uns einten..." Der Spiegel Nigromontans, der aus Klöstern des fernen Orients stammt, wird so beschrieben: "Dann glänzte im Kerzenlichte seine Scheibe aus hellem Bergkristall, die rundum aus einem Ring von Elektron umgeben war. In diese Fassung hatte Nigromontan in Sonnenrunen einen Spruch gegraben, der seiner Kühnheit würdig war ... Auf der Gegenseite waren ameisenfüßig in Palischrift die Namen dreier Witwen von Königen geritzt, die singend beim Totenprunke den Scheiterhaufen bestiegen hatten ... " Oder man lese über die große Goldbandlilie aus Zipangu: "Es war noch Licht genug, den goldnen Flammenstrich zu ahnen und auch die braune Tigerung, durch die der weiße Kelch gar prächtig gezeichnet war. In seinem hellen Grunde stand wie der Klöppel in der Glocke das Pistill, um das sechs Staubgefäße sich im Kreise ordneten. Sie waren mit braunem Puder wie mit dem feinsten Auszug von Opium bedeckt und von den Faltern ganz unbeflogen, so daß die zarte Scheide in ihrer Mitte noch leuchtete. Ich beugte mich über sie und sah, daß sie an ihren Fäden zitterten wie Spielwerk der Natur gleich einem Glockenspiele, das statt der Töne muskatische Essenz verströmen ließ. Für immer wird es ein Wunder bleiben, daß diese zarten Lebewesen so starke Liebeskraft beseelt. Pflanzen als Ornamente Immer wieder ist von den Pflanzen als den Lehrmeistern aller Dinge, insbesondere der Sprachbilder, die Rede, auch der kleine natürliche Sohn Erio "wandte sich früh den Pflanzen zu". Er sitzt neben dem Poeta im Herbarium: "Wenn ich ihn still an meiner Seite spürte, fühlte ich mich erquickt, als trügen durch die tiefe heitere Lebensflamme, die in dem kleinen Körper brannte, die Dinge einen neuen Schein." Während die Lanzenottern um die alte zigeunerische Schaffnerin Lampusa beim Füttern "ein glühendes Geflecht" der Unordnung bilden, formen sie sich um Erio "in der Figur der Strahlenscheibe". Das sind Details einer regelrechten flammen- und pflanzengliedrigen sprachlichen Jugendstilornamentik, die eine größere Untersuchung notwendig machten. Es wäre auszumachen, wie das Buch "Auf den Marmorklippen" die abendländische Kulturmasse der Marina in einen dekorativen Prunkstil umsetzt und wie am geistigen Grunde dieser seltsamen Mythe, welche uns im ersten Jahre des Hitlerkrieges wie eine Vision des Kommenden anrührte, Nietzsche weiterwirkt. Zweifellos ist nicht das ganze Buch mit der Vokabel Jugendstil erfaßt. Andere literarische und künstlerische Ströme aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg wie der Symbolismus werden darin auf eine merkwürdige Weise wieder lebendig, und, was besonderer Deutung bedarf, wirksam wie kaum in einem zweiten Buch damals. Der Abschied von der Rautenklause, die in Flammen aufgeht, und die letzten Begegnung mit dem Pater Lampros im Prunkornat, dem wie in einer Kulthandlung das abgeschlagene Haupt des Fürsten Sunmyra aus der Amphore dargebracht wird, und der dann einen großen symbolistischen Brandtod unter den Trümmern der alten Abtei zelebriert, ist in der Tat nicht mehr allein aus einer Stilgbärde zu deuten. Unser Hinweis aber auf die Epoche des Jugendstils im Zusammenhang mit einem von Jüngers bedeutendsten Büchern kann vielleicht zu einem tieferen Verständnis der Erscheinung Jünger überhaupt, die eine Erscheinung des Uebergangs ist, und damit der Wurzeln unseres eigenen Wesens führen. |