FAZ 29.03.1975


Klaus Günther Just
Zurück in die Tiefe der Zeit

"Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift." Kaum einer, der diese Worte 1939 las, hat sie jemals wieder vergessen können. Man schrieb den Beginn des Zweiten Weltkriegs. Das Interesse aller war auf die politische und die militärische Lage gerichtet, nicht auf Literatur und schon gar nicht auf sinnbildhaft verschlüsselte Literatur. Wie konnte da Ernst Jüngers Erzählung "Auf den Marmorklippen" überhaupt von sich reden machen?

Schon der obenzitierte erste Satz dieser Erzählung schlug den Leser wie eine Zauberformel in Bann und stimmte ihn ein auf die epochale Wende von 1939. Das Bewußtsein eines unabwendbaren Verlustes, zugleich das Bewußtsein des Übertritts in eine andere, kältere, gefährlichere Atmosphäre: der erste Satz der "Marmorklippen" formuliert es wie ein musikalisches Thema. Dieses Thema wird dann entfaltet und variiert, moduliert und erweitert.

Am Schluß der Erzählung steht wiederum eine unvergeßliche Formel, in der das Bewußtsein des Verlustes umgeschlagen ist in die höhere Hoffnung einer unzerstörbaren inneren Sicherheit: "Da schritten wir durch die weit offenen Tore wie in den Frieden des Vaterhauses ein." Die politische und militärische Welt ist ins Wesenlose abgesunken, die Zeit zum Stillstand gekommen.

Die Leser des Jahres 1939 stehen heute ausnahmslos in der zweiten Lebenshälfte. Hat ihre Lesererfahrung, die so untrennbar mit einer epochalen Wende synchronisiert war, noch Gültigkeit? Nachvollziehbar ist sie sicherlich nicht mehr. Der Leser des Jahres 1975 wird sich dem Jüngerschen Werk anders nähern müssen. Aber wie kann eine Annäherung erfolgen? Klafft nicht ein Abgrund zwischen dem Autor, der heute sein 80. Lebensjahr vollendet, und den Nachgeborenen? Indem wir so fragen, drücken wir die Überzeugung aus, daß ein Brückenschlag sehr wohl möglich ist. Dabei gilt es einen Weg nachzuschreiten, den Ernst Jünger mit der ihm eigenen Konsequenz gegangen ist: den Weg zurück in die Tiefe der Zeit.

Erinnerung ist ein Spiegel, der Weg, von dem hier die Rede sein soll, führt in die Tiefe dieses Spiegels hinein. Der schwermütige Rückblick auf die Zeiten des Glücks ist zugleich die trotzige Setzung einer Gegenwelt. Das Kommende, Drohende, Ganz-Andere wird ins Gleichgewicht gebracht von der Erinnerung und ihrer spezifischen, die Wirklichkeit auswiegenden Schwere. Vor allem in seinen fiktiv überhöhten autobiographischen Schriften hat Ernst Jünger dieses spiegelbildliche literarische Verfahren praktiziert. Je älter er wird, desto frühere Schichten der eigenen. Existenz schließt er auf.

Das setzt 1923 mit der Erzählung "Sturm" ein, deren Wiederauffindung wir Hans Peter des Coudres, dem Bibliographen Ernst Jüngers, verdanken. Diese Erzählung, die leider nur einmal vor mehr als einem Jahrzehnt in den Oltener Liebhaberdrucken wiederaufgelegt worden ist, spielt im Ersten Weltkrieg zur Zeit der Grabenkämpfe an der Westfront. In der zentralen Figur, dem Infantefieleutnant Sturm, verbirgt sich der Autor. (Wenige Jahre später verwendete Ernst Jünger bei Vorabdrucken aus dem "Abenteuerlichen Herzen" das Pseudonym Hans Sturm.)

In den Gefechtspausen trifft sich Sturm mit den anderen Zugführern, Leutnant Döhring und Feldwebel Hugershoff. "Neben den Ereignissen des Tages bildete ein gemeinschaftliches literarisches Interesse den Boden, aus dem ihr Gespräch erwuchs. Sie waren alle von einer wahllosen, für die literarische Jugend Deutschlands typischen Belesenheit. Gemeinsam war Ihnen eine Urwüchsigkeit, die sich in ganz seltsamer Weise mit einer gewissen Dekadenz verwob." Sturm schreibt Geschichten, und so kann es denn nicht ausbleiben, daß seine Kameraden ihn bitten, diese Geschichten vorzulesen.

In diesen Geschichten tritt der Autor (und darunter können wir nun Jünger wie Sturm verstehen) zurück in die Zeit vor dem Kriege, doch bleibt er in der jeweils zentralen Figur, nunmehr in doppelter autobiographischer Brechung, gegenwärtig. Tronck, der, in Kleidung und Wahrnehmung auf zarteste Farbnuancen versessen, durch die Großstadt flaniert; Fähnrich Kiel, dem ein flüchtiges erotisches Abenteuer mit einem Straßenmädchen in die Vision einer Einstgeliebten, Halbvergessenen umschlägt; Falk, dem Kriegs- und Liebeserfahrung in dynamisch hochgetriebenem, düster eingefärbtem Gefühl eins werden - sie alle sind, streng literarisch gesehen, Figuren aus den Erzählungen Schnitzlers, Musils und der frühen Expressionisten und sind doch zugleich doppelgängerische Verkörperungen eines Autors auf der Suche nach sich selbst. Nur wenige Schritte in die Tiefe der Zeit hinein wagt Ernst Jünger hier: Sturm ist ein junger Mann, wie Tronck, Kiel und Falk junge Männer sind. Der Blick in den Spiegel bleibt der Blick des Narziß, wenn auch unter tödlichen Vorzeichen. Sturm fällt.

Ganz anders die Erzählung "Afrikanische Spiele" von 1936. Die zentrale Figur, Herbert Berger, ist ein Halbwüchsiger, der Autor aber inzwischen ein gestandener Mann von vierzig Jahren. Sein Erinnerungsvermögen erscheint geschärft, sein Blick dringt tiefer und deckt lang verschüttete Schichten auf. Die Vorkriegswelt wird nicht mehr innerhalb der Erzählung gegen die düstere Folie der Kriegswelt gesetzt. Die Kontraste sind subtiler. Der Ich-Erzähler wahrt die Distanz, er ist in eine spätere Zeit entrückt, zugleich aber identifiziert er sich im Akt des Erzählens mit seinem früheren Ich, dem sechzehnjährigen Berger, sieht aus dessen Perspektive, durchlebt dessen Konflikte, reflektiert dessen Probleme.

Die spätere Zeit, 1936, aber ist schon wieder Vorkriegszeit. Das gibt der spezifischen Heiterkeit dieser Erzählung den Tiefgang. Auch ist Berger seinerseits an sein früheres Ich gebunden. Die visionäre Gestalt Dorotheas sichert ihm den Kontakt mit seiner eigenen Kindheit. Am Ende seines Scheinabenteuers bei der Fremdenlegion erscheint ihm Dorothea zum letzten Mal: "Die Zeit der Kindheit war vorbei." Aber nicht genug damit: vermittels der Eskapade Bergers, dieses gescheiterten Ausbruchs eines Halbwüchsigen aus bürgerlicher Sekurität, liefert der Autor ein sehr genaues Bild Europas vor dem Ersten Weltkrieg. Wohl ist dieses Bild, auch geographisch, von der Peripherie her vermessen, wohl zeugt es von den Sehstörungen eines Aufsässigen, eines Unangepaßten, eines "tumben Toren" sehr eigener Art, aber eben darum ist es aufschlußreicher als andere, hochbemühte und schwerbefrachtete Erzählwerke über dieselbe Epoche. Von hier aus sollten und könnten sich heutige Leser das Gesamtwerk Ernst Jüngers erschließen.

Was in den "Afrikanischen Spielen" nur erst angedeutet ist, wird 1973 in der späten Erzählung "Die Zwille" rundum geleistet: eine kritische Physiognomik des Kaiserreichs in fiktiver Form. (Nur Karl Jakob Hirsch ist 1931 mit seinem Roman "Kaiserwetter" ähnliches gelungen.) Chesterton hat einmal über Ibsen gesagt: "Erst als er ein alter Mann wurde, wurde er ein junger Autor." Diese Worte ließen sich, modifiziert, auch auf Ernst Jünger anwenden.

Im achten Lebensjahrzehnt schreibt er die Geschichte Clamors, der nach dem Tode seines Vaters, des Großknechts der Mühle zu Oldhorst, in die Stadt aufs Gymnasium geschickt wird, dort in der ihm fremden Welt leidet und fast zugrunde geht, aber schließlich in einem seiner Lehrer, der die schöpferische Anlage des sperrigen Kindes ahnt, einen neuen Vater findet - einen Schülerroman also, durchaus in der Nähe von Thomas Mann und Hermann Hesse, von Emil Strauß und Robert Musil angesiedelt und doch, eben als Spätwerk, nicht nur in personaler, sondern auch in epochaler Hinsicht von besonderer Art.

Die über zwei Menschenalter gespannte Erinnerung schlägt sich als Überfluß nieder: "Die Zwille" ist figurenreicher und vielfarbiger als "Unterm Rad", als "Freund Hein", als der "Törleß". Auch fällt eine erhöhte Transparenz auf, eine unverwechselbare Grazie sehr männlicher Prägung, eine aus Härte und Zartheit gemischte Linienführung, die nicht nur dem zügigen Erzählablauf, sondern auch der psychologischen Zeichnung zugute kommt. Hier herrscht glasklares Licht. Das Ende des Weges in die Tiefe des Spiegels hinein ist erreicht.

Hofmannsthal hat an den Deutschen zu Recht ihr schlaffes Gedächtnis gerügt. Gerade der heutige, permanent vom Verlust der geschichtlichen Dimension bedrohte Leser sollte sich, im Nachvollzug und als Gegengewicht, des stupenden Gedächtnisses von Ernst Jünger, seines wahrhaft säkularen Erinnerungsvermögens bedienen.

Nach den möglichen Wirkungen Andre Gides in hundert Jahren befragt, hat Ernst Jünger geäußert, daß Gides Schriften, vor allem seine Tagebücher, für alle diejenigen auch in Zukunft nicht zu entbehren sein würden, "die sich rückblickend den feineren Strukturen unserer Zeit zuwenden". Diese Worte gelten auch für Jünger selber und sein literarisches Werk, nicht nur für die hier skizzierten autobiographischen Erzählungen, sondern für seine Essays und Tagebücher insgesamt, von "In Stahlgewittern", 1920, bis zu "Zahlen und Götter", 1974. "Da wird man wie auf dem Lithographenschiefer aus zartesten Abdrücken erraten können, was uns beschäftigte und zu denken gab."

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